„Augmented Reality ist endlich gelebte Crossmedialität“. Interview mit Patrick Osterbrink, wdvFreitag, 2. September 2016

Patrick Osterbrink wdv-Gruppe AR Augmented Reality Content Marketing

Seit 1948 ist die wdv Gesellschaft für Medien & Kommunikation als Verlag aktiv, im Schwerpunkt als Corporate Publisher. Für Kunden von der AOK über Daimler bis TUI produziert der Verlag crossmediale Content Produkte – und setzt dabei immer mehr auf Augmented Reality, kurz AR.

Auf der Content World Konferenz widmen wir dem Thema Visual Storytelling eine eigene Session. Wir wollten vorab von Patrick Osterbrink, Projektleiter AR bei wdv wissen, inwiefern es sich lohnt, beim Storytelling AR-Elemente einzubauen.

Das Pokémon GO Fieber hatte diesen Sommer Deutschland im Griff – aber ist AR mehr als eine Spielerei? Welchen konkreten Kundennutzen können AR Inhalte bieten?

Patrick Osterbrink: „Pokémon Go beschäftigt aktuell ja alle. Kürzlich gab es einen Artikel in der Horizont, der sich an dem Thema abarbeitete. Auf der einen Seite finde ich es schade, dass das Thema Augmented Reality derzeit so auf Pokémon Go reduziert wird. Andererseits sehe ich das für den wdv, der AR-Lösungen anbietet, als Chance, weil das Thema dadurch stärker in die Wahrnehmung rückt.

Das Thema AR hat seit über 10 Jahren eine Relevanz. Das Fraunhofer Institut forscht z.B. schon lange im AR-Bereich. So wurde aus der Technologie konkreter, gesellschaftlich relevanter Nutzen erarbeitet. AR ist heute in der Medizin im Einsatz, wo Chirurgen im OP-Saal unterstützt werden, indem ihnen die Lage der Organe angezeigt wird. Grundsätzlich kommt AR aus der Militärtechnologie. Jet-Piloten wurden Zusatzinformationen in das Display projiziert. Aber auch das, was wir schon seit vielen Jahren von der Sportschau kennen – wenn z.B. die Abseitslinie eingeblendet wird -, kann man dem technischen Umfeld von Augmented Reality zurechnen.

Die wdv-Gruppe setzt AR-Anwendungen seit 2014 in Publikationen ein

Die wdv-Gruppe setzt AR-Anwendungen seit 2014 in Publikationen ein

Als wir 2014 begonnen haben, uns als Corporate Publisher mit AR zu beschäftigen, haben wir uns die Nutzungs-Zahlen angeschaut. Da gab es weltweit ca. 60 Mio. AR-Nutzer, was keine besonders große Zahl ist. Die Prognose für 2018 war, dass diese Zahl auf 200 Mio. hochrauscht. Durch Pokémon Go sind wir über diese Prognosen längst hinweggeschossen – Nintendo hat also alles richtig gemacht. Obwohl der Hype wohl nachlässt. Spannend bleibt, wo das Thema im Oktober zur Content World 2016 steht.

Der Vorteil von AR für den Kunden oder Leser besteht in der Informationsvertiefung und in der Emotionalisierung von Botschaften. Für uns als Corporate Publisher ändert sich damit nichts an unserer ursprünglichen Aufgabenstellung und inhaltlichen Anspruch – außer, dass wir nun einen weiteren Kanal bedienen. Content muss immer zielführend sein.“

 

Welche Marken haben aus Ihrer Sicht bereits erfolgreich mit AR experimentiert?

Patrick Osterbrink: „Ein ganz konkreter Nutzen ist bei IKEA entstanden. Hier wird klar, was AR kann. Mit IKEA haben wir eine Marke, die global aufgestellt ist. Die Marke hat eine Strahlkraft, sie steht für Modernität und Innovation. IKEA hat AR bereits im vierten Jahr in ihrem Katalog eingesetzt, bei einer globalen Auflage von gut 219 Mio. Exemplaren. Ich halte mein Smartphone in das Wohnzimmer und suche mir ein Möbelstück aus. Über die Kamerafunktion projiziert die IKEA App in meine Live-Umgebung das grüne oder rote Sofa, so dass ich mir das Möbelstück dann gut vorstellen kann und in der Kaufentscheidung bestärkt werde. IKEA ist ein gutes Beispiel.


Andere Marken wie z.B. Audi haben gute Ansätze, um ihr Magazin aufzuladen. Hier geht es auch um Information, um Emotionalisierung. Wenn ein Premium-Kunde das neue Audi-Magazin erhält und dort das neue Modell vorgestellt wird, dann kann man diese Präsentation über Bewegtbild, Geräusche oder Zusatzinformationen anreichern.“

 

Was sind die Erfolgsfaktoren für guten Augmented Content?

Partrick Osterbrink: „. Nachdem wir 2014 die entsprechende Infrastruktur aufgebaut haben, wurde AR in unserem Reisemagazin „abenteuer und reisen“ mit der Mai-Ausgabe 2015 ausgerollt. Wir bieten damit unseren Lesern mehr Informationen und Emotionen, beim Thema Reisen, sicherlich eine Steilvorlage. Das Raffinierte an der Augmented-Reality-App ist, dass sie wirklich attraktiven Mehrwert in Form von Video-Clips, 360°-Panoramen, speicherbaren Pocket-Guides, interaktiven Karten und Rezepten bietet, der zudem schnell und ohne ständigen Internetzugang abrufbar ist.

Mit AR bleibt man in dem Trägermedium. Wenn der Content gut gemacht ist, mit Aufreißer-Artikel und vertiefende Informationen bietet (z.B. ein Interview, eine Slideshow, Bilder oder eine starke Emotionalisierung über Bewegtbild oder ein Audiostatement), dann ergibt dies die richtige Mischung. Wenn man AR richtig macht und der Content stimmt, dann erreicht man endlich mal gelebte Cross-Medialität!


Wir sind nach wie vor überrascht, wie schnell die Nutzerzahlen gestiegen sind und wie stabil sie sind. Vom journalistisch-redaktionellen Anspruch her, macht meiner Meinung nach AR immer Sinn, wenn der Content ganzheitlich so geplant und umgesetzt wird, dass sie dem Kunden oder dem Leser einen Mehrwert bieten. Dann begeistert er, holt die Zielgruppe ab und macht einfach Spaß!.

 

Wie schätzen Sie die Entwicklung im Bereich der 360° Videos und Fotos ein, die ja nun über den Facebook Stream oder YouTube recht einfach verbreitet werden können?

Patrick Osterbrink: „Wenn wir über AR sprechen, z.B. im Zusammenhang mit einem Reisemagazin, kann natürlich ein toller 360° Rundblick Mehrwerte bieten. Wir arbeiten bereits damit und solche Inhalte werden vom Leser super angenommen.

Grundsätzlich finde ich 360° Video- und Fotographie wichtig, wenn wir über Objekterkennung reden. Hierüber haben wir die Möglichkeit, dreidimensionale Objekte abzubilden und in den AR-Datenbanken zu hinterlegen. Über den Bilderkennungsalgorithmus können solche Objekte ausgelesen werden.

Das bietet für die Einsatzmöglichkeiten von AR neben der klassischen Print-Anzeige auch die Implementierung in der Live-Umgebung. Das ist ideal, wenn man z.B. in der Stadt vor einer Sehenswürdigkeit steht. Egal, an welcher Stelle ich auf dem Frankfurter Römer stehe, kann ich mein Smartphone draufhalten, das Handy erkennt die 3D Darstellung und bietet mir dann Zusatzinformationen. Mittlerweile sind 360° Kameras auch preislich attraktiv.“

 

Gemeinsam mit anderen Experten können Sie Patrick Osterbrink in der Session Visual Storytelling in Frankfurt erleben. Für Content Marketer ist die Konferenz ein Pflichttermin! Hier finden Sie alle Infos, hier geht’s direkt zur Anmeldung.

Johannes Kahl
About the Author

Johannes F. Kahl ist Senior-Projektleiter bei Management Forum der Verlagsgruppe Handelsblatt. Er ist u.a. verantwortlich für die Content World Konferenz und die Jahrestagung Digital Marketing. Nach einer Ausbildung bei der FAZ hat Johannes verschiedene Positionen im PR- und Marketing-Sektor inne gehabt.

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