Sascha Decker, Aktion Mensch: „Die besten Geschichten sind die, von denen ich am Anfang noch nicht weiß, wie sie ausgehen“Mittwoch, 13. Juli 2016

Aktion Mensch Sascha Decker Das erste Mal

Bei Aktion Mensch e.V. ist Sascha Decker für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Mit der Multichannel-Kampagne „Das erste Mal“ hat Aktion Mensch Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung inszeniert – der Hauptfilm hat alleine auf YouTube rund 775.000 Views generiert und viele Menschen beeindruckt und emotional berührt.

Sascha Decker, Pressesprecher Aktion Mensch e.V.

Sascha Decker, Pressesprecher Aktion Mensch e.V.

Auf der Content World Konferenz in Frankfurt (17.-18. Oktober 2016) wird Sascha Decker gemeinsam mit seiner Kollegin Sandra Vukovic die Kampagne vorstellen. Wir sprachen vorab mit ihm über Begegnungen in der virtuellen und realen Welt und barrierefreien Content.

Herr Decker, worum geht es genau bei Ihrer Kampagne „Aktion Mensch – Das erste Mal“?

Sascha Decker: „Viele Menschen reden von Inklusion, dem selbstverständlichen Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung im Alltag, bei der Arbeit, in der Freizeit, beim Wohnen. Allerdings kann man hier nicht alles über Gesetze regeln. Wir müssen auch dafür sorgen, dass Leute Lust haben, etwas miteinander zu machen, sich zu begegnen.

Aktion Mensch hat in den letzten Jahren gelernt, dass das Thema Begegnungen noch ausbaufähig ist. Über 90% aller Deutschen sagen, Inklusion ist ein ganz wichtiger gesellschaftlicher Ansatz, aber weniger als die Hälfte tun es auch. Das wollen wir gerne ändern. Wir wollen werben für Begegnungen von Menschen mit und ohne Behinderung und wollen dazu beitragen, dass Barrieren in den Köpfen abgebaut werden.

Häufig ist es so, dass die Menschen einfach unsicher sind, wenn sie selten Kontakt haben zu Menschen, die vielleicht keine Arme haben aufgrund einer Contergan-Schädigung, die kleiner sind als andere oder die im Rollstuhl sitzen. Ich weiß dann nicht genau, ob ich denen z.B. im Kaufhaus anbiete, den Zucker aus dem oberen Regal zu holen. Oder sollte ich besser warten, bis er oder sie mich anspricht? Das sind alles Fragen, die das Zusammenleben erschweren können.

Diese Fragen haben zu dieser Kampagnen-Idee geführt. Wir haben Menschen mit und ohne Behinderung eingeladen zu einem Werbecasting. Wir haben den Leuten gesagt, dass wir einen neuen Werbefilm drehen möchten und sie gefragt, ob sie Lust haben, mitzumachen. Was die Darsteller nicht wussten, ist, dass wir sie aufeinander stoßen lassen, dass wir sie zusammen vor eine Kamera bringen.

Ein Schauspieler, der auch häufig für Werbeproduktionen gebucht wird, trifft auf eine junge Frau aus München, die blind ist. Beide wissen voneinander nichts. Der Film erzählt, was daraus entsteht, wie aus anfänglicher Scheu ein ganz normales Miteinander wird. Es reichen wenige Situationen und Dialoge, um das Eis zu brechen. Das zeigt dieser Kampagnenfilm: Es lohnt sich, aufeinander zuzugehen, es ist nicht so schwer, man muss sich einfach trauen.“

 

 

Wie unterstützen Ihre Online-Aktivitäten die Begegnungen in der realen Welt?

Sascha Decker: „Wir haben mit dem Film versucht, Lust zu machen auf Begegnungen im ganz normalen Alltag. Es gab dafür im Jahr 2015 viele Möglichkeiten, das auch selbst mal auszuprobieren, beispielsweise anlässlich des 5. Mai. Das ist ein Tag, an dem Menschen mit Behinderung traditionell auf die Straße gehen, um für ihre Rechte einzutreten und für mehr Teilhabe zu protestieren. An diesem 5. Mai haben sich in über 600 Städten in Deutschland Menschen mit und ohne Behinderung auf den Weg gemacht zu inklusiven Stadtführungen.

Blinde, Gehörlose oder Menschen mit Mobilitätseinschränkungen haben Menschen ohne Behinderung ihre Lieblingsorte gezeigt. Wo ist ein Café, wo ich gut hinrollen kann? Wo sind Barrieren in der Stadt? Das war sehr schön, weil ich die Straßen und Plätze meiner Stadt aus der Sicht von Menschen mit Behinderungen kennengelernt habe.

Mit den Protagonisten aus dem Film sind wir auch in Schulen gegangen. So hat z.B. Volker Westermann, der im Rollstuhl sitzt, den Film in Schulen nochmals gezeigt und hat mit Schülern darüber gesprochen – wie sie den Film sehen, wie sie das empfinden. Wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen. So eine Begegnung in der Schule kann dafür sorgen, Berührungsängste abzubauen und die Scheu voreinander zu verlieren.

Wir sind mit dem Film auch in Kinos gegangen und haben ihn in einer etwas kürzeren Version im Vorprogramm gezeigt. Das hat auch super funktioniert. Wir sind danach von Leuten angeschrieben worden, dass sie ganz überrascht waren, so ein wichtiges Thema in einem Werbeumfeld wahrzunehmen. Aber sie waren sehr positiv beeindruckt von den Bildern.“

 

Welche sozialen Netzwerke funktionieren für Sie am besten?

Decker: „Bei neuen Plattformen wie Snapchat und Messenger-Diensten sind wir noch ganz am Anfang. Wir haben die Kampagne „Die neue Nähe“ sehr konsequent bei YouTube und bei Facebook gespielt. Bei YouTube hat das super funktioniert. Dort haben wir sehr viele Gespräche und Dialoge anstoßen können.

Um ein paar Beispiele für das Feedback der Nutzer zu nennen:

  • „Echt“
  • „Authentisch“
  • „So eine Aktion sollte in jeder Schule in der ganzen Welt durchgeführt werden“
  • „Alle Daumen hoch“
  • „Eines der besten Videos, was sich seit langem gesehen habe“
  • „Ich liebe dieses Video, habe es mir schon zig-mal angeschaut“.

Wir sind über die Nutzung bei YouTube ins Gespräch mit Menschen gekommen. Ein Nutzer sagte „Ich habe das Video schon ganz oft angeschaut, das sind einfach großartige Menschen“. Der Film hat es geschafft, eine Diskussion darüber anzustoßen, dass es nicht darum geht, wie viele Arme oder Beine ich habe, ob ich gut oder schlecht sehen kann.

Warum hat der Film so gut funktioniert, warum hat er Menschen so elektrisiert? Aus meiner Sicht hat das mit einem ganz klassischen Storytelling-Ansatz zu tun. Die besten Geschichten sind die, von denen ich am Anfang noch nicht weiß, wie sie ausgehen. Dieser Film hat uns auf eine kleine Reise mitgenommen. Ich habe dieses anfängliche Zögern, diese Scheu miterlebt und bin dann als Zuschauer dabei, wie das aufgelöst wird.

Aus anfänglicher Scheu wird ein normales Miteinander: Das erste Mal, Aktion Mensch

Aus anfänglicher Scheu wird ein normales Miteinander: Das erste Mal, Aktion Mensch

Ich weiß auch am Anfang nicht, wie das ausgeht, ob es gut ausgeht oder schlecht, ob es wirklich zu einer Begegnung und einem Gespräch kommt. Ich glaube,  die eigentliche Leistung des Films ist, dass er Menschen bei ihrer eigenen Scheu, bei ihren eigenen Unsicherheiten abholt und sie mitnimmt auf diese Reise. Dafür war YouTube eine super Plattform.“

 

Stichwort Barrierefreiheit: Was sollte ein Content Producer beachten, damit sein Content von allen Menschen gleich gut genutzt werden kann?

Decker: „Es gibt mittlerweile viele Multimedia-Player, bei denen ich bestimmte Zusatzinformationen zu- oder abschalten kann. Wir selbst nutzen einen Videoplayer, der Untertitel zuschalten kann für gehörlose Menschen.

Es gibt außerdem die Möglichkeit, eine spezielle Audio-Deskription zuzuschalten. Das ist eine zusätzliche Tonspur für Menschen, die nicht oder schlecht sehen können. All das, was ich in einem Film nur sehen kann, wo nichts kommentiert wird, muss ich in dieser zusätzlichen Hörbeschreibung erklären. Damit nehme ich sehr viele blinde oder sehbehinderte Menschen mit.

Dann ist es wichtig, die Dinge möglichst einfach, knackig, geradeaus zu erzählen – aber das sollte heute der Anspruch an jede Medienproduktion sein. Es gibt die sogenannte „Einfache Sprache“. Die Einfache Sprache ist für viele Leute sinnvoll, weil sie komplizierte Sachverhalte durch einfache Hauptsätze und wenig Relativsätze erklärt. Wenn Sie Fachwörter benutzen, müssen Sie sie erklären.

Damit werden Inhalte nutzbar für Menschen, die schlecht oder nicht so viel lesen können. Die Digitalisierung, die Verlagerung von Inhalten ins Netz trägt hoffentlich automatisch dazu bei, dass wir einfacher werden, dass wir schneller zum Punkt kommen.“

 

Am 17. Oktober treffen Sie Sascha Decker und Sandra Vukovic von Aktion Mensch e.V. persönlich in Frankfurt auf der Content World Konferenz. Hier finden Sie alle weiteren Infos.

Johannes Kahl
About the Author

Johannes F. Kahl ist Senior-Projektleiter bei Management Forum der Verlagsgruppe Handelsblatt. Er ist u.a. verantwortlich für die Content World Konferenz und die Jahrestagung Digital Marketing. Nach einer Ausbildung bei der FAZ hat Johannes verschiedene Positionen im PR- und Marketing-Sektor inne gehabt.

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